Der Typ der "Barock-Akustik" als Auflösung des
Konfliktes Sprechakustik versus Musikakustik in Kirchenräumen.
(1992)

 
Zum Typ der "Barock-Akustik"

 Es handelt sich bei diesem Typus nicht um Raum-Akustiken die etwa nur in Barockkirchen anzutreffen wären. Jedoch entstanden solche "Klang-Räume" vorwiegend in jener Zeit, bedingt durch die Architektur der Epoche. Auch romanische Kirchenräume mit z.B. stark tiefenschluckenden Holzdecken entsprechen dieser Kategorie. Es gibt aber auch moderne Kirchen - manchmal (oder meist ?) entstanden diese sogar unbeabsichtigt - die diesem Klang-Typ zugehören.

Solche Kirchenräume besitzen mehr oder weniger ausgeprägte Formantstrukturen des spektralen Nachhallverlaufs, und i.d.R. sind die Nachhallzeiten der höherfrequenten Bereiche größer, als im tieffrequenten Bereich des Spektrums (bedingt durch Holzeinbauten, Fenster etc.).

Nun entsteht aber durch diese Formantstruktur nicht nur ein reizvoller eigener Klangcharakter des Kirchenraumes (z.B. typisch heller A-Format-Raum). Vielmehr zeichnen sich solche Räume insbesondere dadurch aus, daß in ihnen oftmals eine erstaunlich gute Sprachverständlichkeit vorzufinden ist.

Sie weisen im oberen Teil des Spektrums langen Nachhall auf, der andererseits dafür verantwortlich ist, daß Musik (insbesondere im Barock entstandene- jedoch nicht nur solche) sehr gut zur Geltung kommen, daß sie "zu sich" kommen kann.

 
Sprachverständlichkeit vs. musikalische Anforderungen

 In der akustischen Literatur werden Sprachverständlichkeit und musikalische Eignung von Räumen i.d.R. als Antipoden dargestellt, was daher resultiert, daß man kurze Nachhallzeit für gute Sprechakustik fordert und mehr oder weniger lange Nachhallzeit als Voraussetzung für musikalische Eignung eines Raumes assoziiert (Auf die vielen anderen Belange der Raumakustischen Anforderungen ist an dieser Stelle nicht einzugehen).

Möglicherweise ist es historisch bedingt, daß man dem spektralen Verlauf der Nachhallzeit zu lange zu wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Meßtechnisch war es in der Anfangszeit der neueren Akustischen Wissenschaft fast nicht möglich, später immerhin sehr aufwendig, spektral - z.B. in Terz- oder Oktavintervallen - den Nachhallzeitverlauf zu bestimmen.

Deshalb hat sich vielleicht die Nachhallzeit als "Einzahlangabe" schon in der "Frühzeit" der Akustik im Denken der Fachleute und später auch in der Vorstellung der Musiker und Laien eingebürgert.

Zwar fügt man heute hinzu, daß mit der Einzahlangabe i.d.R. der Bereich zwischen 500 Hz und 1000 Hz gemeint ist - mithin ein für Sprachverständlichkeit dominanter - aber dabei beläßt man es dann auch schon.


Linearität des Nachhallfrequenzgangs


Weshalb eigentlich fordert man möglichst lineare Frequenzgänge des Nachhalls in Aufführungsräumen? Es muß doch, was für einen Verstärker oder einen HIFI-Lautsprecher anzustreben ist, nicht unbedingt auch für einen Raum gelten.

Ich persönlich glaube, daß selbst in Konzertsälen die sog. Klangverfärbungen, die ein Raum aufgrund eines nichtlinearen Frequenzgangs der Nachhallzeit verursacht, eher akzeptiert würden, als z.B. eine zu trockene dafür aber "gerade" Akustik. Immer sind ja Musiker oder/und Dirigenten im und dadurch auch "mit dem Raum" interaktiv zugange; das Musizieren ist - unter anderem auch im spektralen Bereich - ein faszinierender Regelungsprozeß, wobei der Raum nur ein Glied eines kybernetischen Komplexes darstellt.

 
Sprachverständlichkeit in Kirchen - aber wie ?

Es mag Geschmackssache sein, auf welche Weise nun Sprachverständlichkeit erzeugt werden soll. Es kann allerdings passieren, daß zu diesem Zwecke ein Akustiker dem Nachhall absagt und eine "eher trockene" Akustik zur Sicherstellung der Verständlichkeit der Rede vorschreibt (und unausgesprochen als Zielstellung einen linearer Frequenzgang der Nachhallzeit setzt).

In der deutschen raumakustischen Literatur findet man vorherrschend ein Streben nach linearen Frequenzgängen der Nachhallzeit, bestenfalls wird ein "leichter Anstieg zu den tiefen Frequenzen hin" (vgl. bass ratio BR nach Beranek) gefordert. Daß eine Lösung des vorliegenden Zielkonfliktes Sprache vs. Musik in einem Abweichen vom (fragwürdigen) Ideal der Linearität bestehen könnte, wird nur selten bedacht.

Zwar behandelt die Fachliteratur in erster Linie Konzertsaalakustiken. Aber auch dort, wo auf die spezifischen Anforderungen von Kirchenräumen eingegangen wird, findet man diesen Lösungsweg nicht erwähnt, der sich doch eigentlich von selbst aufdrängt.

Daß der Abfall der Nachhallzeit zu den tiefen Frequenzen hin meist nur wegen seiner musikalischen Vorteile Erwähnung findet (Deutlichkeit) und weniger wegen besserer  Sprachverständlichkeit dokumentiert die raumakutische Fachliteratur kaum..

Die Psychoakustik hat diesem Thema (Sprachverständlichkeit in Abhängigkeit von Klangfärbungen) bisher noch nicht sehr viel Aufmerkasmkeit geschenkt, die spezifische unsymmetrische Gestalt der Verdeckungsfunktion über der Frequenzachse bietet jedoch einen Erklärungsansatz.


Waren die Architekten des Barock die besseren Akustiker?

 Natürlich nicht. Denn die entsprechenden Raumakustiken sind Produkte einer Architektur, nicht einer Lehre vom Schall. Aber die Folgen sind bekannt, hörbar und - erklärbar. W. Lottermoser hat schon früh darauf hingewiesen, daß in großen Barockkirchen neben langen Nachhallzeiten fast immer zugleich gute Sprachverständlichkeit vorliegt. Auch er erklärt dies mit dem Abfall der Nachhallzeiten bei den tiefen Frequenzen. Polyphone (Barock-) Musik konnte ja auch nur in Räumen entstehen, die "durchsichtig" sind (Struktur polyphoner Musik ähnelt offenbar der Struktur menschlicher Sprache). Einige Akustiker konnten die Erbauer neuer Kirchen dazu bewegen, die Räume bei tiefen Frequenzen zu "bedämpfen"  um gute Sprachverständlichkeit zu erzielen.

 

Orgel als Symbiose von Instrument und Raum

Die Orgel  fordert lediglich Nachhall und keineswegs Linearität desselben über der Frequenzachse. Fehlt diese, so kompensiert der Orgelbauer dies leicht durch Disposition, Mensurierung und Intonation.

Eine homogene Raumakustik (Ziel jeder Konzeptionierung einer Konzertsaalakustik mit u.a. gleichmäßiger Beschallung möglichst aller Plätze) ist in der Kirche nicht gefordert. Auch darf der Nachhall in Abhängigkeit vom Besetzungsgrad schwanken.

Kirchenmusik mit Chor und Orchester braucht nicht die ganz große Akustik, von der die Orgel lebt (Musiker und Kirchengemeinde dämpfen den Nachhall am stärksten, insbesondere, wenn er im oberen Frequenzbereich dominiert).

Aber in einer vollen Kirche entsteht, nicht zuletzt durch die Anwesenheit der Gemeinde bei der Liturgiefeier, eine eigene - nichtakustische Gestimmtheit - die vokaler und orchestraler Kirchenmusik einen anderen feierlichen Charakter verleiht. Möglicherweise trägt dies dazu bei, die eine oder andere dann fehlende Nachhallsekunde leichter zu verkraften.

Im übrigen bin ich überzeugt davon, daß die großen Meisterwerke der Orgelliteratur nicht vor "vollen Bänken" entstanden. Bach hat mit eher leeren Räumen gespielt, wenn er improvisierte, was er später dann niederschrieb. Dies soll allerdings keine elitäre Forderung sein, den Organisten ideale Spielfelder (für mehr oder weniger isolierte "Selbstergötzung") zu schaffen. Aber es kann vielleicht erklärend helfen.



Gute Sprachverständlichkeit in halb voller oder fast leerer Kirche ist Bedingung
aber kein Widerspruch zu guter musikalischer Akustik des Raumes.

Ich sehe das Problem der guten Kichenakustik (einer Kirche mittlerer Größenordnung) als "grobes" im Vergleich zu Problemstellungen im Zusammenhang mit Konzertsaalakustiken. Durch "grob" soll einmal zum Ausdruck gebracht werden, daß es natürlich ein schwerwiegendes Problem ist. Andererseits zeigt "grob" auch auf den Lösungsweg, indem es auf einfache Vorgaben verweist, die dem Architekten von akustischer Warte aus zu stellen sind, nachdem man sich geeinigt hat, diesen Weg zu beschreiten.

Die Lösung besteht nicht in aufwendiger, umfassender ( auch detaillierter) und dadurch teurer akustischer Planung und Realisierung. Vielmehr ist eine frühzeitige Formulierung und Vermittlung der notwendigen akustischen Rahmenbedingung (bedingende Vorgaben an den Architekten) für seinen Entwurf ausschlaggebend.

Der Architekt muß jedoch in einer frühen Phase seines Tuns entsprechend agieren, um mit grundlegender Form- und Materialwahl die Akustik des Raumes zu definieren.

Wenn Leute eine Orgel einhellig sehr loben, dann ist immer auch ein schön klingender Raum im Spiel. (Und der war natürlich schon jeweils vor dem Orgelbauer da.)